Wenzel A. Haller 2016

Wenzel Haller

Rede zu Pat Nosers Vernissage vom Freitag, 22. Januar 2016  19 Uhr im Rathaus Aarau

Sehr geehrte Damen und Herren
liebe Freundinnen und Freunde der Kunst

ich gehe davon aus, dass sie so zahlreich erschienen sind, weil auf der Einladungskarte keine Vernissage Rede programmiert ist …
da haben sie sich getäuscht, ich wurde kurzfristig angefragt und hoffe, dass ich einen interessanten Beitrag leisten kann.

„Denkt Pat Noser?“

Als ich ihr diese Frage stellte, waren wir sofort in einer Diskussion über das Denken als Solches. Dabei kam mir in den Sinn, dass vor vielen Jahren unser damaliger Zeichnungslehrer Heini Widmer  Christina, eine Schulkollegin, fragte, was sie denke und diese leicht verwirrt “ ich denke, dass ich denke, dass ich gar nichts denke“  stotterte, was wohl ein unbewusster, philosophischer Höhenflug war, der sogar unseren Zeichnungslehrer beeindruckte, mich aber andrerseits bis heute verfolgt.

Zurück zu Pat.   Ja , sie denkt, hat sie gesagt, aber nicht beim Malen. Beim Malen konzentriert sie sich auf’s Malen, auf’s Farbe auftragen. Es geht ihr dabei nicht primär um die Darstellung und den Transport von Inhalten. Früher erzählte sie Geschichten in ihren Bildern, was mir immer gut gefiel, sie aber nervte.  Nein, es geht ihr ums Malen. Wie zum Beispiel Rembrandt, Goya, Soutine, Corinth und den vielen anderen, die auch malten. Menschen und Tiere, Helden und andere Wesen. Und hier ist es Farbe, auf der Leinwand, … gestaltet.

Wieder zur Diskussion über das Denken, wobei wir uns wohl auf’s Glatteis begeben, denn wir denken ja mit dem Denken über das Denken nach, was möglicherweise in sich schon ungenügend ist.
Nun denn, was hat Kunst mit Denken zu tun ? und denkt Pat oder nicht ?  .. Pat hat Einfälle.  Auch da eine Episode aus ihrer Schulzeit: In der Kunstgewerbeschule hat sie halt so gemalt, der Lehrer fand es gut und Pat sagte, dass es irgendwie nicht von ihr sei, worauf der Lehrer antwortete : „man muss es annehmen können.“

Pat hat Einfälle,… haben Einfälle etwas mit denken zu tun? …  weil sie etwas mit dem Kopf zu tun haben ?… Sind Einfälle vielleicht die Grundlage der Kunst ? … Das Element, das sogar das Denken über das Denken hinaus bringen könnte ?  Sicher führen sie die Kunst des Individuums über das denkende Individuum hinaus.  Und wie mir scheint ist dies immer wieder ein Anliegen der Kunst, dass sie eine Erweiterung des produzierenden Individuums beeinhalten sollte.

Aber der eigentliche Antagonismus ist doch zwischen denken und fühlen, oder?

Also dann: „Fühlt Pat ?“

Ja, doch, Pat hat Gefühle, sie fühlt, aber nicht beim Malen. Sie verneint Fragen, die in diese Richtung gehen. Nein, es geht nicht darum Gefühle auszudrücken, sondern es geht ihr darum zu malen.

Von Einfällen überfallen zu werden und diese zu malen.
Keine gedachten Inhalte, keine Gefühle.
Und dann diese Einfälle,  von wo kommen sie ?
Sind sie zwischen denken und fühlen eingeklemmt ? oder kommen sie aus dem All, dem  früheren Leben oder aus dem eigenen Knie ? Hat Beuys wohl das gemeint, als er sagte: „Ich denke mit meinem Knie.“

Was ist Kunst, wer macht Kunst ? Denken – Fühlen – Nun.
Irgend jemand hat sicher gesagt : „L’art n’existe pas ! “
Aber was hier an der Wand hängt spricht doch dagegen.

Ja, wer macht Kunst?  Ist dies eine Frage der Definition?
Die allgemeine Orientierungslosigkeit ist ja offensichtlich. Suchen wir Hilfe bei den Kunstkritikern? oder bei den Kunsthistorikern? sagen diese, was Kunst ist.?
Manchmal erscheint es mir so , oder wenigstens, dass sie immer wieder versucht sind, Trends zu setzen, zu sagen was nun Kunst ist und was eben nicht.

Was mir in all diesen Jahren an Pat’s Malerei gefallen hat, ist ihre Frechheit. Die Frechheit, mit der sie alles malt, was ihr vor die Augen kommt,
was   ihr auffällt,   ihr einfällt,    sie überfällt.  Ohne gesellschaftliche Normen, ohne Scheu, ohne Tabu’s.

Nein, da kennt sie nichts, da geht sie soweit wie möglich. Und da verstehe ich sie auch sehr gut, Einfälle, die man hat, muss man realisieren, sonst kommen sie immer wieder und lassen dem Neuen keinen Platz.

Zum Schluss möchte ich noch etwas zur Kulturförderung sagen.  Der Staat zieht sich mehr und mehr daraus zurück, es wird gespart. Das Sponsoring ist sicher auch nicht die Lösung aller Probleme. Und trotzdem müssen auch Künstlerinnen und Künstler ihre Stromrechnung bezahlen. Darum möchte ich hier auf die Möglichkeiten hinweisen, die jeder Frau und jedem Mann  offen stehen :

Kaufen Sie Kunst!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

diese Vernissage Rede habe ich abgesehen von 3 kleinen Änderungen im Mai 1998 in  der Neuen Galerie in Aarau schon einmal gehalten.

jetzt wird Pat etwas zu den Porträts hier sagen, danach werde ich einen aktuellen Beitrag meinerseits zu dieser Ausstellung leisten und dann ist endlich Apéro Zeit.

nun also, vieles was ich vorher gesagt habe, mehr als 17 Jahre  vorher, stimmt eigentlich immer noch.
Ich möchte aber nicht da stehen bleiben, vor 17 Jahren hatte Pat noch keine website, heute kann man da viele ihrer schönen Bilder anschauen und sich auch sonst ausführlich über sie informieren.

Zurück zur Malerei, wenn Pat also gerne malt, könnte sie doch das Gleiche Bild immer wieder malen. In Zeiten, in denen alle Künstler auch Forschende sein müssen, wäre das sicher ein zeitgemässer Ansatz.

Aber andererseits, wie sähe denn diese Ausstellung aus, wenn alle Bilder in etwa die gleichen wären ?

Aber auf jeden Fall ist ihr dieser Gedanke nicht fern, sie hat auch schon mal Bilder 2-3 Mal gemalt, manchmal musste es grösser werden, manchmal kleiner.
Sie hat auch mal 1 Jahr lang jeden Tag ein Selbstporträt gemalt (auf ihrer website sind unter 365 einige dieser Porträts zu sehen) Sie hätte gerne herausgefunden, ob man aus den einzelnen Porträts ihr Befinden oder das Wetter oder was auch immer sehen könnte – aber einiges passte nicht zusammen und manchmal erkannte man nicht einmal die gemalte Person.

In Jenny Saville hat Pat für sich eine Person entdeckt, die sie schon einige Male gemalt hat und die sie weiter malen wird, sie hofft, dass sie die Veränderung ihrer Malweise beobachten kann. Aber bis jetzt erkennt sie vor allem die eigene Unzulänglichkeit –  eine wichtige, zukunftsweisende Erkenntnis.

Zum Schluss, wann ist ein Bild fertig ? Pat sagt, dass sie oft den Zeitpunkt verpasse, mit dem Malen aufzuhören. Fertig ist  ein Bild eigentlich dann, wenn alles, was man noch dran macht, zum Schlechteren tendiert. Aber wann weiss man das, bevor man es ausprobiert hat ? Es kommt vor, dass sie noch an einem Bild rummalt, Jahre, nachdem es schon ausgestellt war, weil sie etwas entdeckt, was sie stört. Fertig ist also ein Bild erst definitiv, wenn es verkauft ist und Pat keinen Zugriff mehr drauf hat.
Darum … einmal mehr, kaufen sie Kunst, sie können damit die Malereien der Allmacht der Künstlerin entreissen und es macht sich auch gut in ihrem Wohnzimmer .

noch einmal vielen Dank für Ihre Geduld und dann wünsche ich viel Vergnügen mit der Ausstellung und beim Apéro.