Presse

Der Bund 15.1.2020

Affen mit Waffen von Martin Bieri

 

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Pat Noser malt, was sie sieht, und zeigt doch mehr, als da ist. Die Galerie da Mihi ermöglicht einen Einblick in das Werk der Bieler Künstlerin und ist Teil des Galerienwochenendes.

Ausgangslage für ihre Arbeit bilden immer Fotografien, am liebsten solche, die sie selbst gemacht hat: Die Bieler Künstlerin Pat Noser in ihrer Ausstellung in der Galerie da Mihi.(Bild: Adrian Moser)

Als das Kunstmuseum vor kurzem die Bilder aus der Sammlung der Genossenschaft Migros Aare zeigte, prangte auf dem Plakat ein voller Einkaufswagen in Totalgrün. «Migros grün» nannte Pat Noser dieses Selbstporträt der Konsumgesellschaft. In der Galerie da Mihi, die Noser aktuell eine Ausstellung mit an die 80 Bildern widmet, ist nun das monumentale Gegenstück dazu zu sehen: «Rosa Stillleben mit Kaninchen»: das drapierte Grauen des alltäglichen Verbrauchs, eine dystopische Objektwelt – scheinbar, und doch eigentlich nur stillstehende Sachen in einer lieblichen Farbe: Irdisches.

 

Was ist das Bedrohliche, das von Nosers Bildern ausgeht, sodass manche von ihnen wirken wie Fortsetzungen ihrer «Reise in die verbotene Zone» rund um Tschernobyl vor zehn Jahren, von der sie eindringliche Gemälde des Stillstands mitgebracht hatte? Es ist wie so oft nicht allein, was gezeigt, sondern wie es gezeigt wird.

Heimlich malen

«Realismus. Das war von Anfang an, was ich machen wollte», sagt Noser. Als die 1960 in Aarau geborene und in Biel lebende Künstlerin in den 1980er-Jahren an der Schule für Gestaltung in Zürich studierte, sei sie die Einzige gewesen, die, angeregt von den Punk-Malern der Neuen Wilden, gegenständlich gearbeitet habe. «Der Schulstil war abstrakt expressionistisch», weshalb sie quasi heimlich weiter nach ihrer Façon malte. «Ich will, dass man meine Bilder ohne Vorwissen versteht.» Wobei «verstehen» nicht bedeute, sie auf eine Aussage festzulegen, sondern erkennen zu können, was gezeigt werde, um sich dann einen eigenen Reim darauf zu machen.

Als Ausgangslage für ihre Arbeit dienen Noser immer Fotografien, am liebsten solche, die sie selbst gemacht hat. Sie sind die Skizzen, die Motiv, Bildaufbau und Farbigkeit festlegen. Dass technische Hilfsmittel in der Malerei vorkommen, hält sie für eine Selbstverständlichkeit, schliesslich kaufe sie ihre Farbe auch im Geschäft und gewinne sie ihre Sepia nicht aus dem Sekret von Tintenfischen. Nach Fotografie zu malen, sei, als würde der Vorgang der Vervielfältigung in einem biologischen Körper noch einmal vervielfältigt, als sei sie, die Künstlerin, eine «Vergrösserungsmaschine», die nicht kopiert, sondern bearbeitet und neu schafft. Die Fotografie allein wiederum wäre Noser «zu schnell», ihre Arbeit sei geprägt von Beharrlichkeit. Und die Jahrzehnte an der Leinwand haben Noser Gelassenheit gegenüber den Gewohnheiten des Publikums und der Kollegen gelehrt. Die Spuren verlaufender Tusche in ihren Bildern begründet Noser mit der Beobachtung, das werde seit einigen Jahren für Kunst gehalten, weshalb sie zwar nicht forciere, aber auch nicht verhindere.

Veduten ohne Staffage

Die Tusche ist jüngst anstelle des Öls ins Zentrum von Nosers Schaffen gerückt. Hauptsächlich, weil ihr das Öl zu leicht falle, es lasse sich, im Gegensatz zu Tusche, immer korrigieren. Zur Tusche hingewandt hat sich Noser im chinesischen Shenzhen, wo sie Artist in Residence war. Dort befindet sich ironischerweise das Künstlerviertel Dafen, eine einzige Kopierfabrik für Ölbilder, wo jährlich mehrere Millionen Gemälde von Hand repliziert werden. Noser hat grossformatige Stadtansichten aus China mitgebracht, beeindruckend genau, als bestünde Architektur aus nichts anderem als Strichen. Nosers zeichnerische Fülle erzeugt einen paradoxen Eindruck der bedrohlichen Leere, vielleicht, weil auf diesen Veduten Menschen kaum noch Staffage sind, vielleicht, weil irgendwo im Bild das Signet einer Überwachungskamera auftaucht, das die Präzision der Darstellung in anderem Licht, nicht allein als ästhetische Leistung, sondern auch als politisches Problem erkennen lässt.

Er bildet nicht ab, was ist. Er zeigt, was sein könnte. Und das ist viel unheimlicher, viel schlimmer.

Überhaupt sind Nosers Bilder durchdrungen von einer ziemlich expliziten Dissidenz, unerschütterlich, aber nicht mit einem analytischen Anspruch verbunden. 2017 hatte Noser an der Cantonale in Interlaken einen kleinen Zyklus mit Genderstudien zwischen Mensch, Kunstmensch und Affe gezeigt, weitere Serien beschäftigten sich mit Fleisch, Friedhöfen, Krieg – mit dazu gemaltem Rahmen – oder dem eigenen Gesicht.

Reale Fiktionen

In der Galerie da Mihi werden trotz der Fülle nur einige Bereiche des umfangreich brillanten Werks der «Vielmalerin» angeschnitten. Eine Meeresbrandung unter dem Schriftzug des amerikanischen Mineralölkonzerns Exxon Mobile, eine Büschelblume unter dem Logo des Breitbandherbizids Roundup, ein toter Käfer hinter dem Signet von VW.

Als Wappentier ihrer Weltsicht hat Noser Menschenaffen auserkoren und spielt damit natürlich auf die Guerrilla Girls an, die mit Gorilla-Masken versehen für eine gerechte Repräsentation von Frauen in den Kunstinstitutionen kämpfen. Die Hominiden sind uns so nah, dass wir ihnen ihre Warnungen glauben sollten, wenn sie bei Noser mit Maschinengewehren fuchteln oder sich, halb Mensch, halb Tier, in den Ruinen einer Stadt Ohren, Augen und Münder zuhalten.

Diese Chimären, das Vermischen von Realität und Fiktion, sei etwas Neues in ihrem Schaffen, sagt Noser. Doch der Realismus ist nicht die Wahrheit, sondern die Wahrscheinlichkeit. Er bildet nicht ab, was ist. Er zeigt, was sein könnte. Und das ist viel unheimlicher, viel schlimmer.

Pat Noser: «Bruit de pattes» in der Galerie da Mihi, Gerechtigkeitsgasse 40, Bern. Bis 8. Februar 2020.

Kunstbulletin 7/8 2019

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BZ vom 4. Mai 2018

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… Wer lacht da von der Wand? Es ist der italienische Medienmogul Berlusconi. Und der befindet sich in „guter“ Gesellschaft. Das Portrait von andern mächtigen Männern, das des Unternehmers Jeff Bezos von Amazon oder jenes von Ivan Glasenberg von Glencore zieren eine schwarze Wand in der Klinik Südhang. Die Bieler Künstlerin Pat Noser hat die umstrittenen Kerle speziell für die Ausstellung „Südsicht 18“ direkt auf die Wand gemalt unter der Bedingung, dass die Portraits nach der Schau wieder übermalt werden.

„Ich will denen kein Denkmal setzen“, so die Künstlerin. Sie versteht die Machthaber als Gegenpol zu ihrem Ikonen, in denen sie Menschen in Öl auf Leinwand oder Papier bannt, die sie inspiriert oder beeindruckt haben. Romy Schneider, Lukas Bärfuss oder Elfriede Jelinek sind darunter. Pat Noser präsentiert ihre Werke gemeinsam mit den Kunstschaffenden Urs Stoos, Christina Wendt und Urs Brunner.  …

Helen Lagger, Bern 2018

Kunstbulletin 12 2017

Hinweis von Feli Schindler

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Auf Erinnerungen basieren auch die Gemälde der in Aarau geborenen und in Biel lebenden Pat Noser (*1960, Aarau). Ihre Gemälde referieren auf das kollektive Gedächtnis. Die Künstlerin bedient sich verschiedener Bilder aus den Printmedien, aus dem Internet und aus dem eigenen Archiv. Im Obergeschoss serviert sie schwerere Kost: Abgemagerte afrikanische Kinder hinter Gittern, Berge von Leichen, Kriegspanzer in goldenen Rahmen oder Menschen, die nackt in Reih und Glied auf ihre Vernichtung warten, erinnern an die düsteren Kapitel der Weltgeschichte. Wolken hängen neben Rosen, die offenbar einst einen Toten schmückten. Dazwischen appliziert die Künstlerin dürre Pflanzen oder waffenschwingende Affen auf die Wände. Ein Bilderbogen fataler Ereignisse.

 

AZ 5200 Brugg • Nr. 42 – 19. Oktober 2017

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Alice Henkes im Bieler Tagblatt vom Samstag, 04.03.2017 ICH NICHT ICH

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Anchovies by Pat Noser von Kamala Dawar

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Sardellen 2015 70 x 70 cm Oel auf Leinwand

 

This is a deeply honest portrayal of the female sex and notions of femininity. The canvas is overtaken by a core image of the lap of a faceless naked woman. The rawness of her sexuality is brazenly positioned up front and centre. Yet the presentation of her sex is not brash. The woman’s public area is both constructed and concealed by the palms of her hands holding forth some beautifully rendered small dead fish – with their heads on. The glistening silvery stink of these anchovies sits symmetrically between the flesh at the top of her naked thighs.

There is no ambiguity in this personal yet universal statement of female sexuality and the putrid stench of death. The starkness of the woman’s sensuality is confronting – yet the still beauty of the painting opens up the possibility and proximity of intellectual and visual pleasure. This is fine art in a contemporary critical context – the artist rips the mystique of femininity from the woman, in a self-reflective act of empowerment.

Text von Kamala Dawar in

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Kunstmagazine van Maatschappij Arti et Amicitiae nr 36 | 2017 jaargang 20

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Baden badener Tagblatt

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Tagesanzeiger, Donnerstag, 28. Juli 2O11

11 Alice Henkes Reise in die Verbotene Zone

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